Referendariat an Schule und ZfsL: Was passiert wo?

Ach, wie einfach könnte das Referendariat sein, wenn man jeden Tag nur an seiner Schule wäre und dort lernen würde, eine gute Lehrerin oder ein guter Lehrer zu sein. Aber nein, ein wesentlicher Teil des Referendariats findet an den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung (kurz: ZfsL) statt. Wie wesentlich dieser Teil ist, merkt man daran, dass nicht der Schulleiter der eigenen Schule gleichzeitig der eigene Chef ist, oh nein, sondern der Leiter des Seminars (in meinem Fall der Leiter des „Seminar GyGe“) am ZfsL.

Wie ist ein ZfsL gegliedert?

Um die im Folgenden verwendeten Begriffe verständlicher zu machen: Ein Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung gliedert sich in sogenannte Seminare für jede Schulform, z. B. GyGe (für Gymnasium und Gesamtschulen), HRSGe (für Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen), GS (für Grundschulen) und so weiter. Diese Seminare haben aber nichts mit den gleichnamigen Veranstaltungen an den Universitäten zu tun, sondern sind quasi Fachabteilungen oder Fachbereiche innerhalb der ZfsL. Jedes solche Seminar hat dann nochmal einen ganzen Haufen weiterer Seminare (gleiche Bezeichnung, andere Sache) untergeordnet. Und erst diese Seminare sind dann die eigentlichen Lehrveranstaltungen, nämlich feste Gruppen mit einem Ausbilder (sog. Seminarleiter), innerhalb derer man sich regelmäßig trifft und kräftig ausgebildet wird.

An welchen Einrichtungen findet das Referendariat statt?

An der Schule machst du (fast) alles, was auch fertige Lehrerinnen und Lehrer tun; am Anfang weniger, dann immer mehr:

  • Hospitation. Damit beginnt das Referendariat, nämlich mit stundenlangem Zuschauen. Man sitzt irgendwo im Klassenraum und schaut irgendwelchen Fachlehrern bei ihrem (natürlich stets vorbildlichen) Unterricht zu. In den Erarbeitungsphasen geht man natürlich rum, schaut mal über die Schulter und beantwortet schon Fragen von Schülerinnen und Schülern. Wenn die Fachlehrkraft „mal kurz kopieren“ geht, muss man auch schonmal üben, in einem Raum mit 30 Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern für Ruhe zu sorgen. Und damit das Hospitieren nicht so schnell langweilig wird, lernt man von Anfang an, sich Beobachtungsaufträge zu suchen, z. B. „Heute achte ich auf die richtig guten Lernenden“ oder „Heute achte ich darauf, wo die Lehrkraft im Raum steht“ oder sowas. Oder man schreibt einfach gute Sequenzen grob mit, damit man später bei der eigenen Unterrichtsplanung zum selben Thema weniger Arbeit hat.
  • Ausbildungsunterricht (AU). Hier schmeißt man einige Unterrichtsstunden nacheinander, zuerst vielleicht mal ein oder zwei, dann auch locker mal acht bis fünfzehn oder noch mehr. Aber keine Sorge, man ist nie allein. Die reguläre Lehrkraft der Klasse oder des Kurses sitzt dann hinten drin und schaut aufmerksam zu. Vor dem Unterricht muss man seine ganze Planung detailliert offenlegen und mit der Lehrkraft diskutieren, nach dem Unterricht wird nachbesprochen und es gibt Feedback, was man in der nächsten Stunde besser machen könnte oder sollte. Ganz am Ende einer solchen Unterrichtsreihe gibt es ein Gutachten von der Fachlehrkraft, davon sammelt man im ganzen Referendariat ungefähr zehn Stück. Die gehen später an den Schulleiter, der daraus seine Note formt, die einen erheblichen Teil des Staatsexamens ausmacht.
  • Selbstständiger Unterricht (SU, früher Bedarfsdeckender Unterricht oder BdU). Hier ist man mit Schülerinnen und Schülern allein im Klassenraum und probiert sich selbst im Hinblick auf Planung und Unterrichten aus; eine Beurteilung erfolgt hier nur, wenn man zu Unterrichtsbesuchen in den selbstständigen Unterricht einlädt. Ansonsten ist man eine richtig echte Lehrkraft. Man entschuldigt Fehlstunden, ist Ansprechpartner für die Eltern, spricht sich mit Klassenlehrern ab und gibt am Ende eine richtig-echte Zeugnisnote.
  • Unterrichtsbesuche (UBs). Diese (in NRW in der Regel zehn) Prüfungen, die während des Referendariats absolviert werden müssen, sind der Hauptstressfaktor im Referendariat. Neben den ganzen anderen Veranstaltungen an der Schule (siehe Punkte zuvor) und am ZfsL (siehe unten) muss man noch diese magischen Stunden vorbereiten, die im Hinblick auf Vorbereitung und Durchführung häufig nicht annähernd realistisch sind. Es sollen die Glanzstunden der Ausbildung sein, die direkt auf die unterrichtspraktische Prüfung im Staatsexamen vorbereiten. Es gibt eine saubere Planung, ganz tolles Arbeitsmaterial, Sprinteraufgaben, Hilfe- und Tippkarten, Differenzierungsmaßnahmen, Visualisierungen, Leitfragen, Methoden, Sozialformen und, und, und. Alles, was in irgendwelchen pädagogischen Meisterwerken von einer guten Unterrichtsstunde erwartet wird, wird mühselig, oft schon Wochen im Voraus geplant, vorbereitet, geschrieben, gedruckt, laminiert und präpariert. Dann wird in einer kleinen Stunde großer Zirkus damit gemacht, die Fachleiter oder der Fachleiter (siehe unten) findet dann einige Sachen toll, andere Sachen verbesserungswürdig, manchmal auch Sachen problematisch. Dann gibt es eine Unterrichtsnachbesprechung, die regelmäßig genauso lang ist wie die gehaltene Stunde. Und das alles (in NRW) zehn Mal binnen achtzehn Monaten minus Ferien. Herrlich!

Am ZfsL kommen dazu die folgenden Veranstaltungen:

  • Kernseminar (KS). Dieses wird vom Kernseminarleiter (siehe unten) doziert. Im Kernseminar spricht man über fachübergreifende Themen, z. B. das Ausbilden von Beziehungen zu Schülerinnen und Schülern, über das Bewerten, über die eigene Rolle als Lehrkraft, Professionalisierung und so weiter.
  • Fachseminare (FS) gibt es gleich zwei, nämlich für jedes der eigenen Fächer eines. Chef ist hier der Fachseminarleiter (siehe unten) Hier lernt man das, was man in der Praxis brauchen könnte. Manchmal tut man das sogar wirklich.

Welche Personen spielen eine Rolle?

An deiner Schule kommst du um diese Personen nicht herum:

  • Ausbildungsbeauftragte (Abbas) sind die Ansprechpartner für alle Angelegenheiten in der Schule. Sie sind am ersten und letzten Tag dabei, bei jedem Unterrichtsbesuch und allen Referendariatsveranstaltungen an der Schule. An manchen Schulen gibt es ab und zu ein internes Treffen aller Referendarinnen und Referendare mit den Abbas, wo dann über schulinterne Regelungen z. B. zu Pausenaufsichten, Leistungsbewertung oder Hausaufgaben gesprochen wird.
  • Ausbildungslehrer sind alle Fachlehrer, in deren Klassen und Kursen man unterrichtet, d.h. Ausbildungsunterricht (siehe oben) absolviert; diese schreiben für jede Unterrichtsreihe von ca. 6~15 Stunden eine Beurteilung, die an den Schulleiter geht.
  • Schulleitungen schreiben am Ende eine Beurteilung auf Grundlage der Unterrichtsbesuche, bei denen sie anwesend waren, sowie auf Grundlage der Beurteilungen, die die Ausbildungslehrer verfasst haben. Außerdem freuen sich Schulleitungen, wenn man nicht zu spät zur Schule kommt, häufig sehr fleißig aussieht, sich an alle Regeln hält und zusätzlich zum Unterricht nach Stundenplan noch irgendeine AG oder eine Ganztagsveranstaltung betreut.

Am ZfsL kommen dann noch diese Leute hinzu:

  • Kernseminarleiter leiten Kernseminare. Der Kernseminarleiter ist unabhängig von den eigenen Unterrichtsfächern und heißt deshalb manchmal auch „überfachlicher Fachleiter“. Er betreut nicht die Refis eines bestimmten Faches, sondern die Refis mehrerer Schulen, die sogenannten „Schulgruppen“. Er ist Ansprechpartner, Coach, Unterstützer und Fürsprecher. Er ist einer der wenigen Personen, die im ganzen Referendariat nicht bewerten. Das schafft ein besonderes Vertrauensverhältnis und erlaubt es, sich mit allen Sorgen und Nöten an ihn zu wenden. Außerdem legt er häufig ein gutes Wort ein, wenn Unterrichtsbesuche nachbesprochen werden.
  • Fachleiter bilden innerhalb des Fachseminars (siehe oben) in allen fachbezogenen Themen aus, beispielsweise die Besonderheiten der Reihenplanung vor dem Hintergrund des Kernlehrplans eines bestimmten Fachs. Fachleiter in Naturwissenschaften vermitteln, wie man Experimente anschaulich gestaltet und sicher durchführt. Fachleiter in Sprachen vermitteln alle benötigten Fähigkeiten, um Vokabeltests durchzuführen. Ganz wichtig ist hier: Die Fachleiter sind diejenigen Leute, die die Unterrichtsbesuche abhalten. Alle anderen Beteiligten sind dabei optional, aber die Fachleiter sind neben den Refis die eigentlichen Akteure bei Unterrichtsbesuchen. Sie besuchen, beobachten, bewerten, besprechen. Die Fachleiter verantworten der mit Abstand größten Teil der Note, die man im Staatsexamen bekommt.

Wann ist man am ZfsL, wann in der Schule?

Hier hat jedes ZfsL eine eigene Philosophie, die sich ab und zu auch ändern kann. Manche ZfsL bieten ihre Kern- und Fachseminare an Nachmittagen oder Abenden an, sodass man nach einem harten, praktischen Schultag noch schnell zum ZfsL fahren muss, um dort einen kräftigen Theorie-Input mitzunehmen. Manche ZfsL bieten stattdessen einen Seminartag an, d.h. einen Wochentag, an dem die Seminarveranstaltungen liegen. Da es sich in der Regel um drei Veranstaltungen (Kernseminar, zwei Fachseminare) handelt, die jeweils ca. 3 Stunden umfassen, finden die Seminare dann häufig im vierzehntätigen Rhythmus statt. Beispielsweise sind die beiden Fachseminare an einem Donnerstag, am darauf folgenden Donnerstag findet dann das Kernseminar statt; und so weiter.

Beide Konzepte haben ihre Vor- und Nachteile: Nach einem langen Schultag noch zum Seminar müssen? Das klingt nicht nach Spaß! Aber: Den gesamten Stundenplan irgendwie um den Seminartag herumzustricken und nur Klassen und Kurse zu besuchen, die keine Stunde am Seminartag liegen haben, um diese nicht wöchentlich zu verpassen? Auch das ist kein Zuckerschlecken.

Der Begriff „anbieten“ ist hier übrigens irreführend: Die Seminare am ZfsL sind Teil des zu leistenden Dienstes und damit verpflichtend. Abwesenheit darf nur ein absoluter Ausnahmefall sein, muss verdammt gut begründet und vom Seminarleiter genehmigt oder ärztlich attestiert werden.

Weitere Veranstaltungen am ZfsL

Neben der einmaligen Vereidigung zu Beginn des Referendariats und den regelmäßig stattfindenden Kern- und Fachseminaren gibt es noch weitere Gelegenheiten, viel Zeit am ZfsL verbringen zu müssen: Manche ZfsL veranstalten Intensivtage oder gar Intensivwochen, in denen man mit den Fachleitern jeweils eine Woche lang ganz viel Zeit im Seminarraum oder an einer (meist fremden) Schule verbringt, um dort ein paar Probestunden zu sehen und selbst zu halten. Viel Arbeit, aber auch viel Gelegenheit gleich zu Beginn des Referendariats eine Menge zu lernen. Manche ZfsL veranstalten darüber hinaus pädagogische Tage oder pädagogische (Halb-)Wochen kurz vor Beginn des selbstständigen Unterrichts. Hier lernt man nochmal allerhand Wissenswertes über sich, seine Persönlichkeit, seine Stimme, seine Körperhaltung, sein Selbst- und Zeitmanagement, sein Rechtsempfinden in pädagogischen Situationen und so weiter und so fort.

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