Kellerbrand (und weitere, kleinere Einsätze)

Was in der Zwischenzeit geschah

Bis zu diesem Tage verging über Monate hinweg für mich und meine Kameraden das triste Leben eines Dorffeuerwehrmannes. Es passierte nämlich nichts, wochenlang. Dann gab es hin und wieder mal wieder einen kleinen Einsatz, jedes Mal eine von Handwerkern versehentlich ausgelöste Brandmeldeanlage oder eine Ölspur. Aber das kommt eben vor und ist sehr viel angenehmer als ein kritischer Wohnungsbrand mit vermissten Personen. In der Zwischenzeit also leisteten meine Kameraden und manchmal auch ich, wenn ich nicht gerade in der Universität saß, bei einigen mehr oder weniger kleinen Einsätzen Hilfe:

1. Einsatz: Eine Ölspur mit Rettungshubschrauber

Ich setzte mich gerade auf den Küchenstuhl eines Freunds aus Kindertagen, um anlässlich seines Geburtstages ein Stück Kuchen zu essen, da rappelte der Melder und sprach: Öl auf Straße. Meine Schwester, die ich hatte mitnehmen müssen, dirigierte ich kurzer Hand wieder in’s Auto, fuhr mit für eine Ölspur angemessener Geschwindigkeit zuhause vorbei, schmiss meine Schwester wieder aus dem Auto und sauste weiter zum Feuerwehrgerätehaus. Eine Ölspur rechtfertigt keine kopflose Raserei und ein Indiz für höchste Eile möchte ich es auch nicht nennen. Also kamen meine Kameraden und ich binnen fünf Minuten zusammen und rückten ruhigen Blutes, aber nach Vorschrift mit Blaulicht und Martinhorn aus. Schließlich war kürzlich noch ein Motorradfahrer im Nachbardorf auf einer Ölspur ausgerutscht und tödlich verunglückt, besser wir kamen heute rechtzeitig an.

Als die gemeldete Einsatzstelle gerade in Sicht kam, mussten wir scharf bremsen: Ein Rettungshubschrauber landete direkt vor unserer Nase, ein Löschfahrzeug aus dem anderen Ortsteil war seit zwei Minuten vor Ort und seine Besatzung hatte sich um ein Fahrzeug versammelt, das vor einen Baum gefahren war. Es stellte sich heraus, dass dort noch ein Patient im Fahrzeug saß und auf Hilfe wartete, die Feuerwehr aber blöderweise mit dem Stichwort Öl auf Straße signalisiert bekommen hatte, sich ruhig etwas Zeit lassen zu dürfen. Blöd gelaufen. Denn wir hätten bei einer anderen Meldung mit Sicherheit drei oder vier Minuten zügiger dort sein können.

2. Einsatz: Verkehrsunfall mit eingeklemmten Personen

Es muss schrecklich gekracht haben. Spät am Abend wurde einer unserer Löschzüge zu einem Frontalzusammenstoß zweier PKW gerufen. Nur so viel: Der Motorblock eines der PKW wurde später auf dem Fahrradweg auf der anderen Seite der Straße wiedergefunden. Zum Glück gibt es aber seit kurzem die Sanitäter vor Ort in unserem Städtchen. Diese wurden gleichzeitig mit der Feuerwehr alarmiert und kümmerten sich um die Behandlung der Patienten, während wir den Kopf für die technische Rettung der Eingeklemmten frei hatten. So schafften wir es am Ende in kurzer Zeit, beide Betroffenen lebend aus ihren Fahrzeugen zu bekommen.

3. Einsatz: Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person

Und wieder knallte es. Diesmal aber nur ein PKW und zwar gegen einen Baum. Allerdings geschah das so weit außerhalb von bewohntem Gebiet, dass erst Stunden später Spaziergänger das Fahrzeug entdeckten und die Feuerwehr riefen. Und auch die musste erst lange spazieren fahren, bis sie die Unfallstelle fand. Der Fahrer war zu dem Zeitpunkt bereits seit Stunden tot.

Später am Tag gab es einen Einsatz für die Feuerwehr der Nachbarstadt: Brandgeruch aus einer Wohnung. Es stellte sich nach Öffnen der betroffenen Wohnung heraus, dass der Fahrer des verunfallten PKW sich wohl mit Kohlenstoffmonoxid hatte töten wollen, sich aber schließlich doch für einen Unfall mit seinem PKW entschieden hatte.

Das war wohl Glück für eine junge Kameradin, die an diesem Tag ihren ersten Einsatz auf dem Feuerwehrauto verbrachte – und dank Personalnot neben Fahrer und Einsatzleiter die einzige Einsatzkraft auf dem Fahrzeug war. Sie musste natürlich nicht mehr tätig werden und auch das Wrack nicht begutachten, darum kümmerte sich die Polizei mit dem Rettungsdienst.

Weitere Einsätze

Naja, außerdem (und außer den ganzen Brandmeldeanlagen und Ölspuren) befreiten wir noch ein Pferd, das sich auf einem Anhänger verkeilt hatte, löschten einen Traktor, räumten umgestürzte Bäume von den Straßen, öffneten eine Tür (aus Versehen erst die einer ahnungslosen Familie beim Abendessen, anschließend die richtige), halfen dem Rettungsdienst beim Tragen eines Patienten, bereiteten uns auf die Notlandung eines Airbus vor (die dann aber ausblieb), halfen der Feuerwehr der Nachbargemeinde gleich zweimal bei größeren Bränden, sperrten eine einstürzende Backsteinmauer ab und unterstützten die Einsatzleitung bei einem schweren Busunfall.

Und nun zum nächsten großen Einsatz

Eigentlich waren es gleich zwei auf einmal! Es war nämlich so: An einem kühlen, aber schönen Abend im Herbst regnete es kurz, aber kräftig. Von Sintflut kann nicht die Rede sein, aber es reichte, um wieder einmal die Abflüsse eines altbekannten Kellers rückwärts spülen und eine wohl schon mal gesehene, braune Brühe aus der Kanalisation zurückkommen zu lassen. Alle wussten, was zu tun ist, Routine, verwendeten gleich zwei Pumpen und begannen damit, die Suppe wieder in die richtige Richtung fließen zu lassen.

Ich stand mit meinem besten Freund aus Kindertagen im Keller und hielt den Schlauch, der das Schmutzwasser nach draußen leitete. Da hieß es plötzlich aus seinem Funkgerät: „Kellerbrand bei XYZ“. In genau diesem Keller standen wir und hier brannte bestimmt nichts mehr nach den Fluten, die über die Treppenstufen strömten. War bestimmt nur ein schlechter Scherz – oder wir hatten „Kellerwand“ als „Kellerbrand“ falsch verstanden. Mein Kamerad aber war misstrauisch und neugierig und so ging er kurz nach draußen vor die Haustür, um nachzuschauen, was los war. Er war keine zehn Sekunden weg, da hörte ich Leute oben rufen, Melder piepen, Funkgeräte rauschen und Stiefel über den Boden rennen. Alles klar: Ich ließ die blöde Pumpe, wo sie war und ging nachsehen. Als ich aus der Tür trat, waberte mir die dichte, bräunlich-graue Rauchwolke aus dem benachbarten Kellerfenster schon entgegen. Es war das gleiche Gebäude, aber ein anderer Kellertrakt. Und ob man es glauben will oder nicht: Er brannte. Und die Feuerwehr war schon vorher da. Das soll uns mal einer nachmachen! Unsere Ausrücke- und Eintreffzeiten für diesen Einsatz waren mit Nullkommanichts derart gut, dass sie unseren statistischen Jahresschnitt nach den oben erwähnten Einsätzen wieder in eine akzeptable Gegend brachte.

Nun, und was die Einsatzstelle anging, habe ich diese Geschwindigkeit noch nie erlebt. In Sekunden waren ein Verteiler und 75 Meter Schlauch vor der Tür in Stellung gebracht, ein Trupp, darunter mein aus dem Keller zuerst entflohener Kamerad, rüstete sich bereits auf dem Fahrzeug mit Atemschutz aus. Die Fahrzeugpumpe wurde in Betrieb genommen und aus einem Hydranten mit Wasser versorgt. Keine 90 Sekunden nach dem Funkspruch waren wir bereit zum Innenangriff – aber es fehlte ein Atemschutzgeräteträger. Zur Sicherheit des vorgehenden 2-Mann/Frauen-Trupps müssen nämlich stets zwei weitere Männer (oder Frauen) als Sicherheitstrupp bereitstehen, falls dem ersten Trupp im Gebäude etwas zustoßen sollte; einzige Ausnahme ist die Menschenrettung. Da hier aber keine Menschen im Keller oder in unmittelbarer Gefahr waren, musste der Angriffstrupp sein Leben nicht noch mehr riskieren und sollte auf seinen Sicherheitstrupp warten.

Mein Gruppenführer, inzwischen gleichzeitig Einsatzleiter und mit drei Funkgeräten bewaffnet, etwas blass um die Nase, aber mit voller Konzentration im Einsatz stürmte von Mann zu Mann: „Bist du Atemschutzgeräteträger und gerade tauglich?“. Bei mir fand er schnell, wonach er suchte. Aber allein war ich kein Trupp und der nächste Atemschutzgeräteträger saß gerade in der Kanalisation unter der Straße und probierte einen übelriechenden Staudamm zu brechen. Eine Minute später war auch er zur Stelle (und ich war froh, dass ich bereits meine Maske trug!) und ebenfalls ausgerüstet. Der Angriffstrupp konnte das Gebäude nun betreten.

Gespannt verfolgte die ganze Einsatzstelle jede Lagemeldung aus den Kellerräumen, um im Notfall stets zu wissen, wie die Lage im Gebäude ist und wo sich unser Trupp befindet. Die Führungskräfte scharten sich um das eine, alle anderen Kameraden um das andere Funkgerät: Es brannte die Heizungsanlage. Inzwischen trafen weitere Atemschutzgeräteträger ein, die bei Entdecken der Rauchentwicklung sofort alarmiert worden waren und nun an der Einsatzstelle eintrafen. So waren wir nicht länger als Sicherheitstrupp erforderlich, sondern sollten selbst die Kellerräume betreten und dem ersten Angriffstrupp eine Wärmebildkamera bringen. Und das taten wir. Durch den Hausflur ging es eine kurze Treppe hinunter. Dort war der Qualm so dicht, dass wir die eigene Hand vor Augen kaum sehen konnten. Mit der Wärmebildkamera fanden wir schnell unsere Kameraden. Diese hatten im Keller einen Pulverlöscher gefunden, den sie wegen der Gefahr eines Stromschlags lieber einsetzen wollten als einen Wasserstrahl. Allerdings spielte der Löscher nicht mit und löste bereits im Vorraum der Heizung explosionsartig aus. Wir übergaben die Wärmebildkamera, mit deren Hilfe der Angriffstrupp seine Löschversuche fortsetzte. Derweil durchsuchten wir die weiteren Räumlichkeiten, um sicherzustellen, dass nicht zufällig ein Bewohner des Gebäudes sich dort aufgehalten hatte, als der Brand ausbrach. Dem war glücklicherweise nicht so. Als wir wieder nach draußen traten, staunten wir nicht schlecht. Die Straße, mitten im Dörfchen, war vollkommen abgesperrt worden. Rechts standen zwei Feuerwehrfahrzeuge, zwei Rettungswagen und ein Streifenwagen, links drei Löschfahrzeuge und ein Einsatzleitwagen. Das Feuer war schließlich zügig gelöscht, die Bewohner des Hauses vorübergehend evakuiert worden.

Und welch blöder Zufall auch immer den Brand ausgelöst hatte – alle waren dankbar, dass es in genau diesem vollkommen unwahrscheinlichen und absurden Moment geschah, als die Feuerwehr bereits vor dem Haus stand. Nachts um zwei Uhr wäre der Brand wohl erst aufgefallen, wenn er sich bereits in die darüber liegenden Wohnungen ausgebreitet und einen Rauchmelder ausgelöst hätte.

Zuletzt pumpten wir noch unser Löschwasser aus dem zweiten Keller, bevor wir uns wieder unserer alten Einsatzstelle widmeten. Dann ging es zurück ins Gerätehaus, der mit Ruß verschmierte Helm wurde gesäubert und die Einsatzkleidung machte nun einen kleinen Urlaub in der Waschmaschine.

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