Einsatz: Personensuche

Amtshilfe war das Stichwort, mit dem ich zu diesem Einsatz alarmiert worden bin. Amtshilfe ist so fundamental für die Sicherung und den Fortbestand der Zivilisation und öffentlichen Infrastruktur, dass schon seit 1949 in Artikel 35 unseres Grundgesetzes, also kurz nach den Grundrechten, die Verpflichtung einer jeden Behörde in Deutschland zur gegenseitigen Amtshilfe festgeschrieben ist. An einem schönen Sonntagvormittag also – ich saß gerade bei Verwandten und aß mein Frühstück – rief die Polizei die Feuerwehr um Amtshilfe an. Zwar war die Polizei nicht mit einer einzigen Kraft vor Ort, aber scheinbar war das nicht nötig. Und gemäß Artikel 35 GG musste meine Feuerwehr der Polizei „helfen“, heißt hier: die ganze Arbeit allein machen.

Das war in diesem Fall aber halb so wild, denn der Einsatzauftrag war eine Personensuche nach einem geringfügig mental retardierten Mitbürger unserer kleinen Stadt. Seit Tagen schon wurde über die sozialen Medien nach ihm gesucht, die Nächte waren eiskalt und Hubschrauber mit Wärmebildkameras brachten bisher keinen Erfolg. Deshalb war es auch nicht notwendig, per Funkmelder zu alarmieren, sondern eine kurze Umfrage in der WhatsApp-Gruppe der Einheit brachte mindestens denselben (oder noch größeren) Erfolg wie ein Alarm per Pieper es getan hätte.

Die Feuerwehr suchte mit acht Fahrzeugen und jeweils etwa vier Mann Besatzung, das Deutsche Rote Kreuz mit ein paar weiteren Fahrzeugen, Helfern und Hundestaffeln, die Bürger der Stadt zu Fuß und mit dem Fahrrad und die Polizei mit einem einzigen Beamten, der – so erzählt man sich – zwischendurch mal vorbeigeschaut und Kaffee getrunken haben, dann aber wieder gefahren sein soll. Das Stadtgebiet wurde derweil zur Suche in zahlreiche Abschnitte eingeteilt. Jeder Einheitsführer bekam einen Kartenausschnitt mit eingezeichnetem Bereich. Er und seine Mannschaft fuhren darauf hin zu jedem einzelnen Haus, Hof, Jäger-Hochsitz, Bach, Graben, Schuppen und jeder Scheune, Hütte und Brücke. Dort wurde geklingelt, gefragt und dann mit mehr oder weniger begeisterten Hausherren das gesamte Grundstück von vorne bis hinten unter die Lupe genommen, um zu schauen, ob vielleicht der gute Mann irgendwo stand, saß oder lag. Mit gewaltigen Dreckklumpen an den Stiefeln und Blasen darin, mit dem Stolz eines jungen Feuerwehrmanns, der eine Taschenlampe tragen durfte, mit einem ziemlich kugeligen Einheitsführer auf dem Beifahrersitz, der ganz alleine fleißig den Kuchen aß, den die Bäuerinnen eigentlich uns allen anboten hatten, suchten wir nach der Nadel im Heuhaufen.

Seit etwa 11 Uhr schauten wir hinter jedem Busch und jeder Hecke, jedem Hühnerstall und jedem verdammten Misthaufen nach – und davon gab es auf dem fast 50 km² kleinen Stadtgebiet erstaunlich viele. Nachdem wir uns mit Brötchen und Kaffee gestärkt hatten, aber die Dunkelheit unaufhörlich unsere Suche zu beenden drohte, kam der letzte Kraftakt. Unsere Feuerwehr-Chefetage befahl die systematische Umgebungssuche. Wir bildeten mit allen verfügbaren Kräften einen riesigen, gewaltigen Kreis aus Helfern, vielleicht 50 Meter zwischen jedem Mann und jeder Frau, um das Wohnhaus des Vermissten herum. Zwischen uns lagen Wälder und Felder. Und mit dem Einsetzen der Dämmerung setzen auch wir uns in Bewegung und gingen langsam und ständig mit Taschenlampen umherleuchtend auf die Mitte des Kreises zu, in der Hoffnung, den armen Kerl vor der nächsten bitterkalten Nacht ausfindig zu machen. Vergebens.

Erfolglos mussten wir die Suche nach fast acht Stunden einstellen. Die Polizei überlegte, ein letztes Mal mit einem Hubschrauber zu kreisen, der Bürgermeister und der Leiter der Feuerwehr bedanken sich bei uns, dann war Schluss. Das war zur Abwechslung ein ganz besonderer Einsatz. Einmal deshalb, weil die Feuerwehr plötzlich weder Feuer, noch irgendeinen konkreten Einsatzgegenstand hatte, den sie wie üblich mit brutalen Werkzeugen hätte bearbeiten können. Diesmal sah man keinen Erfolg, keinen Fortschritt und am Ende einfach nichts. Aber es war trotzdem ermutigend für die verzweifelte Familie und wunderbar anzusehen, wie viele Leute sich völlig ehrenamtlich einen Tag lang auf die Suche gemacht hatten. Das allein machte diesen Einsatz lohnenswert. Kein Horn, kein Blaulicht, kein Stoff für Actionthriller. Auch das ist Feuerwehr. Der Versuch zählte.

Zwei Tage später wurde der Vermisste glücklicherweise durch seine Familie in einer Hütte in einer Siedlung nahe seinem Wohnhaus gefunden, vom Rettungsdienst versorgt und ist heute wieder gesund und zuhause.

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